Christian Hartung - Pfarrer und Schriftsteller
Predigt über Johannes 10,40-11,44 (27. September 2009 Kirchberg)
(Übersetzung des Predigttextes: Zürcher Bibel, 2007)
Als Kind habe ich ein Fangspiel besonders gerne gespielt: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Ich weiß gar nicht, ob Kinder es
heute noch spielen. Ob dieses Spiel dunkelhäutige Menschen diskriminiert, darüber habe ich mir als Kind keine Gedanken gemacht.
Statt "schwarzer Mann" hätte man von mir aus auch "wilder Mann" oder "Monster" oder sonst irgend etwas sagen können. Für mich
war es einfach nur ein aufregendes Spiel.
Aufregend war es, so würde ich das heute versuchen zu erklären, weil eine sichere Welt plötzlich unsicher wurde. Eine große
Herausforderung brach in die sichere Welt hinein. Da standen wir alle in einer großen Gruppe und alles war in Ordnung. Und dann
stand da plötzlich ein Einzelner und rief: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" - "Niemand!", brüllten wir. Wozu sollten wir Angst
haben? Wir waren viele. Außerdem war der Eine, der "schwarze Mann", ja ein Stück weg. Aber nicht mehr lange: "Und wenn er
kommt?" Eine drohende Frage; tückisch schlich sich da plötzlich die Unsicherheit in die Sicherheit und Sorglosigkeit. Aber im
Bewusstsein unserer Überlegenheit antworteten wir laut: "Dann laufen wir!" Und das taten wir. Und plötzlich war der "schwarze Mann"
mitten unter uns. Hastig versuchte er jemanden abzuschlagen. Und als er das nächste Mal vom anderen Ende des Spielfelds rief:
"Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?", da riefen schon ein oder zwei mit ihm, die er abgeschlagen hatte. Und unser "Niemand!"
war immer noch laut, aber eben schon um ein oder zwei Stimmen leiser. Und nun wussten wir, dass es Grund für die Angst gab. Ein
oder zwei von uns hatte es ja schon erwischt.
Jetzt wurde das Spiel richtig aufregend. Die Gruppe der "schwarzen Männer" wuchs bedrohlich - und unsere Gruppe schmolz
besorgniserregend. Und mich packte der Ehrgeiz, rennend und Haken schlagend den immer mehr Händen zu entkommen, die von
allen Seiten nach mir griffen. Manchmal habe ich es geschafft und bin als Letzter übrig geblieben - allein gegen die Vielen. Dann fing
ein neues Spiel an und ich war der neue "schwarze Mann". Am Anfang der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ist es wie
am Anfang des Spiels. Alles ist gut. Jesus ist an einem sicheren Ort und viele kommen zum Glauben an ihn. "Es war aber einer krank",
heißt es nun. Viele - Einer. Der Eine ist in Gefahr. Es ist ein guter Freund von Jesus und wir erfahren seinen Namen: Lazarus. Seine
Schwestern Marta und Maria schicken eine Nachricht zu Jesus. Und Jesus macht sich auf den Weg. Als er in Betanien ankommt, ist
Lazarus schon vier Tage tot. Es ist wie im Spiel: schon einer weniger! Und dabei wird es ja nicht bleiben: Auch Marta und Maria
werden irgendwann sterben, alle werden das. Auch Jesus wird sterben - er vielleicht sogar als Nächster. Sie wollen ihn umbringen,
er ist in wirklicher Gefahr und läuft mitten hinein, trotz der Warnung seiner Jünger. Wie im Spiel - aber das hier ist blutiger Ernst! Da
ist eigentlich klar, wie es weitergehen wird. Tod, immer mehr Tod. Am Ende irgendwann mal eine Auferstehung der Toten. Nun, das
kann man glauben oder lassen. Marta glaubt es. Einfach so. Nur aufs Wort, ohne dass sie irgendetwas gesehen hätte. Trotzig wie
im Spiel: "Dann laufen wir!" Aber irgendwann ist das Spiel zu Ende. Irgendwann sind alle gefangen. Da können wir rennen und
Haken schlagen - irgendwann hat der Tod uns. So sieht es bei uns aus.
Und da dreht Jesus plötzlich das Spiel um! "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn
er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das?" Auf das Spiel übertragen heißt das:
Ich bin der, den der "schwarze Mann" fängt und der trotzdem wieder laufen wird. Ich werde nicht gefangen - nicht für immer und ewig.
Ich laufe weiter. Aber Jesus hebelt das ganze Spiel aus. Nicht, dass da keine "schwarzen Männer" mehr laufen und die anderen
fangen. Doch, das geschieht. Jesus ist "im Innersten empört und erschüttert", weil das so ist, heißt es in unserer Geschichte. Er
weint. Die Gefahr ist wirklich da, nicht nur im Spiel. Wir sterben - und manche grausam. Und dennoch: "Ich bin die Auferstehung
und das Leben!" Ich bin der, den ihr fangen könnt, so oft ihr wollt - ich werde immer weiter laufen. Ich habe einen längeren Atem
als das Spiel. Ich werde ein neues Spiel spielen. Und jetzt bin ich der, der ruft. "Glaubst du das?"
Jeder, der sagt: "Ja, ich glaube", der läuft mit. "Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen", sagt Jesus zu Marta. Die
Herrlichkeit Gottes, das ist das neue Spiel. Da werden die, die laufen, nicht immer weniger, sondern immer mehr. Diese Geschichte
aus der Bibel erzählt von einer Wirklichkeit, die wir hier nicht kennen und verstehen. Wir können nur Spiele verstehen, die aufhören,
wenn alle bis auf einen besiegt sind. Aber nicht Spiele, die in alle Ewigkeit nie aufhören, weil es immer noch welche gibt, die siegen
sollen. Also können wir diese ganze Geschichte eigentlich gar nicht verstehen. Wer etwas anderes behauptet, der betrügt sich.
Verstehen nicht. Aber glauben. Das heißt: vertrauen. Von tiefstem Herzen darauf vertrauen, dass es eine Wirklichkeit außerhalb
unseres oft grausamen und auch traurigen Lebensspiels gibt. Diese Wirklichkeit ist der Friede Gottes. Er ist höher als alle Vernunft,
übersteigt alles, was wir verstehen und begreifen können. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Predigt über Epheser 2,11-22 (21./22. Juli 2007 Dill, Kirchberg und Kappel)
(Übersetzung des Predigttextes: Zürcher Bibel, 2007)
Menschen möchten dazugehören. Zu einer Gruppe, einer Clique, einer Gemeinschaft, einer Gemeinde. Nicht allein und auf sich
gestellt sein, mitmachen dürfen, Teil eines größeren Ganzen sein. Wenn Kinder irgendwo dazukommen, wo andere Kinder bereits
etwas spielen, dann möchten sie mitspielen. Ein Kind, das am Rand stehen bleiben muss oder wieder ausgeschlossen wird,
erinnert sich unter Umständen noch Jahrzehnte später als Erwachsener daran. Für Jugendliche ist es oft so entscheidend, zu einer
bestimmten Gruppe dazuzugehören, dass sie diesem Wunsch alles andere unterordnen. Aber auch wir Erwachsenen möchten nicht
gerne außen stehen. Besonders in den vergleichsweise kleinen Dörfern hier ist es wichtig, mitzumachen und mitmachen zu dürfen.
Wenn jemand neu zuzieht und in die wichtigen Vereine eintritt, bei den Festen dabei ist und mitarbeitet sowie die Nachbarschaft
pflegt, dann wird er bald integriert.
Von diesem Wunsch, dazuzugehören, spricht der Wochenspruch der neuen Woche: "So seid ihr nun nicht mehr Gäste und
Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen." Nicht mehr am Rand stehen und fremd sein, sondern ein
Mitbürger und ein Hausgenosse sein. Zu Hause sein, wo die anderen auch zu Hause sind, ein Teil dieser Gemeinschaft sein.
Ich als später Geborener verstehe nicht, wie zwischen 1933 und 1945 Menschen aus dieser Gemeinschaft einfach ausgeschlossen
werden konnten. Menschen, die immer dazugehört hatten, Teil der Nachbarschaft waren, Hermann und Wilhelmine hießen wie die
anderen auch, deren junge Männer im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, ausgezeichnet wurden oder fielen - und die plötzlich nicht
mehr dazugehörten, weil sie Juden waren. Gerade hier in unseren Dörfern und Städtchen lebten sie im Schnitt in ebenso
bescheidenen bis ärmlichen Verhältnissen wie die meisten anderen auch. Sie hatten ihren festen Platz im Gefüge der Gesellschaft -
und fielen plötzlich hinaus, wurden vertrieben und umgebracht, wenn sie nicht rechtzeitig flohen, was viele nicht taten, weil sie doch
dazugehörten!
Ich will das hier nicht länger ausführen. Ihr kennt diese Geschichten alle, teilweise auch noch aus eigener Anschauung und also viel
besser als ich! Mir geht es hier nur um dieses Stichwort "dazugehören", das der Wochenspruch für die neue Woche ausführt. Was
geschieht eigentlich mit den anderen, mit denen, die noch dazugehören - was geschieht mit ihnen, nachdem andere aus der
Gemeinschaft ausgeschlossen wurden? Die fehlen doch dann, ihre Stellen bleiben doch leer?
Wir müssen das nicht nur auf die Juden beziehen, die unserem Land tatsächlich an vielen Stellen gefehlt haben und teilweise heute
noch fehlen. Dasselbe geschieht aber doch immer, wo wir uns von jemandem heftig und gründlich trennen. Es gibt Familien, wo
Eltern und Kinder oder Geschwister über Jahre und Jahrzehnte hinweg nicht mehr miteinander reden. Es gibt Ehen, die auseinander
gehen, und wo es nur noch darum zu gehen scheint, den einmal Geliebten restlos und unwiederbringlich fertig zu machen, zu
zerstören, zu vernichten. Denn wenn er noch da wäre, dann würde er uns immer daran erinnern, dass wir einmal mit ihm
Gemeinschaft hatten. War das mit den Juden nicht auch so?
Wenn wir unseren Wunsch, dazuzugehören, in sein Gegenteil verkehren, wenn wir ausschließen, fertigmachen, ausmerzen,
vernichten, dann sind wir noch schlimmer, als wir es uns selber vorstellen könnten. Jeder von uns hat die Fähigkeit dazu. Der
Wunsch, dazuzugehören, muss so stark sein, dass wir unerbittlich darüber wachen, wer dazugehören darf und mit wem wir
zusammengehören wollen. Das Bild, das wir uns davon machen, ist so wichtig und heilig, dass wir ihm unter Umständen jedes
erdenkliche Opfer bringen würden.
Schauen wir einmal in den Zusammenhang, in dem unser neuer Wochenspruch steht. Es ist ein Brief, der dem Paulus zugeschrieben
wird, aber wahrscheinlich erst lange nach Paulus' Tod geschrieben wurde. In dieser Zeit gab es noch viele Christen, die ursprünglich
Juden gewesen waren, aber auch schon sehr viele Christen, die vorher eine andere Religion gehabt hatten, also vom Standpunkt
der Juden als "Heiden" galten. Es war nur eine kurze Zeit, wo es von beiden Gruppen so viele gab. Die Judenchristen wurden rasch
bedeutungslos. Doch in dieser kurzen Zeit redet der unbekannte Verfasser des Epheserbriefes seinen Mitchristen ins Gewissen. Ich
lese nach der gerade erschienenen neuen Zürcher Bibel:
Darum: Denkt daran, dass ihr einst als "Heiden im Fleisch" galtet, "Unbeschnittene" genannt wurdet von den sogenannt
Beschnittenen, deren Beschneidung am Fleisch mit Händen gemacht wird, dass ihr damals fern von Christus wart, ausgeschlossen
vom Bürgerrecht Israels und Fremdlinge, nicht einbezogen in die Bundesschlüsse der Verheissung, ohne Hoffnung und ohne Gott in
der Welt. Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst weit weg wart, ganz nahe durch das Blut Christi.
Denn er ist unser Friede, er hat aus den beiden eins gemacht und die Wand der Feindschaft, die uns trennte, niedergerissen durch
sein Leben und Sterben. Das Gesetz mit seinen Geboten und Bestimmungen hat er aufgehoben, um die beiden in seiner Person zu
einem einzigen, neuen Menschen zu erschaffen, Frieden zu stiften und die beiden durch das Kreuz in einem Leib mit Gott zu
versöhnen; zerstört hat er die Feindschaft durch seine eigene Person. Und er kam und verkündigte Frieden euch, den Fernen - und
Frieden den Nahen. Denn durch ihn haben wir beide in einem Geist Zugang zum Vater. Ihr seid also nicht mehr Fremde ohne
Bürgerrecht, ihr seid vielmehr Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und
Propheten - der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem
heiligen Tempel im Herrn, durch ihn werdet auch ihr mit eingebaut in die Wohnung Gottes im Geist.
Ein für uns völlig unvertrauter Gedanke: Die Christen, die nicht vorher Juden waren, die waren in dieser Zeit "ausgeschlossen",
"Fremdlinge", "nicht einbezogen", "weit weg". Noch schlimmer: sie waren "fern von Christus", "ohne Hoffnung und ohne Gott in der
Welt". Ihr habt nicht dazugehört, sagt der Briefschreiber. Ihr wart nichts und niemand. Jetzt aber gehört ihr dazu. Jetzt seid ihr
"Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes". Und das ist nur geschehen, weil Christus in seinem Leib Frieden und
Versöhnung geschaffen und die "Wand der Feindschaft" niedergerissen hat. Christus: das ist der Tora-treue Jude Jesus, der Rabbi
genannt wurde, ebenso wie der Christus unseres Glaubens, der Sohn Gottes.
Wie gesagt, es war nur eine kurze Zeit, wo die Verhältnisse so waren, dass man so denken konnte. Dieses Stück aus dem
Epheserbrief bekommt vor diesem Hintergrund die Züge einer Vision: eine Vision von einer besseren, friedlicheren Welt, einer Welt,
in der alle dazugehören und keiner ausgeschlossen wird. In dieser Art recht verstanden ist es einer der gewaltigsten prophetischen
Texte aus der Bibel - und im Unterschied zu den berühmten Texten aus Jesaja oder Micha spricht er nicht in der Zukunft, sondern in
der Gegenwart. Das ist heute so weit weg, dass man eigentlich nur noch darüber weinen kann! Ein Weinen, das dann einstimmen
würde in die Klage unserer jüdischen Glaubensgeschwister, die in diesen Wochen eine Fastenzeit haben, die am kommenden
Mittwoch zu ihrem Höhepunkt führt: dem Tischa b'Aw, dem neunten Tag des jüdischen Monats Aw, dem Gedenktag der Zerstörung
des Jerusalemer Tempels.
Weil aber auch wir "mit eingebaut" sind "in die Wohnung Gottes im Geist", wie es der Epheserbrief sagt, darum lasst uns nicht nur
klagen, sondern hoffen. Halten wir fest an der großen Vision, dass einmal alle dazugehören. Versuchen wir, sie wenigstens in unseren
kleinen Maßstäben zu verwirklichen. Es wird uns immer wieder nicht gelingen. Darum müssen wir es ja auch immer wieder versuchen.
Wer, wenn nicht wir - die wir jetzt doch dazugehören als "Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes"!
Predigt über Psalm 69,2-5.11-21.30-31 (Palmsonntag 2007, Kirchberg)
(Übersetzung des Predigttextes: Moses Mendelssohn, 1783)
Rette mich, o Gott! das Wasser dringt ans Leben!
Versenkt in Schlamm - Untiefe, nirgends Grund; -
Von Flut bedeckt, des Stromes Spiel,
Ermatte ich von Schrein; meine Kehle röchelt. -
Mein Gesicht vergeht
vom Schaun nach meinem Gotte.
Mehr denn meines Hauptes Haare,
sind derer, die umsonst mich hassen;
Fester als gewundne Locken,
die mir gram sind unverdient.
Ich muß erstatten, was ich nicht geraubt.
Ich verwein, im Fasten, meine Seele;
Man höhnet mein dazu.
Ich kleide mich in Trauerkleidern;
Auch das wird ihnen Spottgedicht.
Wer am Tor sitzt, (tratscht) von mir,
Die Trinker singen auf mich Lieder.
Ich aber bete Herr zu dir, zur Gnadenzeit;
Gott! nach deiner grenzenlosen Güte!
Erhöre mich mit deiner treuen Hülfe!
Reiß mich aus dem Kote, daß ich nicht versinke;
Daß ich errettet werde von meinen Widersachern,
Und aus des Wassers Tiefen.
Daß mich die Flut nicht überschwemme;
Der Abgrund nicht verschlinge;
Die Gruft nicht über mich sich schließe.
Erhöre mich, Gott! denn deine Güte ist tröstlich;
Wende dich zu mir, nach deiner Allbarmherzigkeit;
Verbirg dein Antlitz nicht vor deinem Knechte!
Wie angst ist mir! eile, erhöre mich!
Sei meiner Seele nah, erlöse sie!
Hilf mir, um meiner Feinde willen!
Meine Schande, Scham und Schmach,
Die mich kränken alle, sind vor dir.
Ah! die Schmach bricht mir das Herz!
ich taumle ohnmächtig hin. -
Wart auf Mitleid - doch umsonst!
Seh aus nach (einem) Tröster; finde keinen.
Mich, der ich elend und betrübt bin,
Mich setzet deine Hülfe hoch empor!
Drum lob' ich Gott in einem Liede,
Ehr' ihn hoch in Dankgesängen.
Wenn ich diese Sätze höre, dann denke ich: Der ist ja fix und fertig! An einer Stelle heißt es ganz ungeschönt, dass er in der
Scheiße sitzt und zu versinken droht. Das ist nun gewiss keine Kirchensprache mehr!
Aber was ist Kirchensprache? Eine gut bürgerlich gemäßigte und gepflegte Sprache, in der man sich gesittet über erbauliche
Glaubensdinge austauscht? Sollte es nicht vielmehr die Sprache des Herzens und der Seele sein, die den Blick in die tiefsten
Abgründe der eigenen Seele nicht scheut, weil sie wider allen Augenschein daran festhält, dass Gott auch noch in die finstersten
Tiefen hineinschaut und unsere Not sieht?
Als der große jüdische Aufklärer Moses Mendelssohn im Jahr 1783 seine Übersetzung der Psalmen veröffentlichte, war sein
Ansprechpartner ja weniger die Kirche als die Synagoge. Doch für ihn waren die Psalmen gar nicht in erster Linie Texte für den
Gottesdienstgebrauch, sondern religiöse Gedichte, die ganz verschiedene Stimmungen und Gefühle wiedergeben und vor Gott
bringen - in diesem Fall also tiefste Verzweiflung und Erschöpfung. Mendelssohn hat die Psalmen nicht einen nach dem anderen
übersetzt, sondern immer einen ausgesucht, der seiner momentanen Stimmung entsprach. Dann muss es ihm sehr schlecht
gegangen sein, als er den 69. Psalm übersetzte - oder er konnte sich zumindest sehr lebendig daran erinnern, wie es ihm einmal
schlecht ging. In sehr armen Verhältnissen aufgewachsen, mit keiner anderen Schulbildung als er im Ghetto bekommen konnte,
dazu als Jude rechtlos, konnte er sich an diese Not offenbar auch noch zu einer Zeit gut erinnern, wo er von Deutschlands
führenden Philosophen und Dichtern bewundert wurde und mit einigen von ihnen befreundet war. Ihm ging es darum, den meist
in großem Elend lebenden Juden einen Zugang zur modernen Kultur und Bildung zu verschaffen - und damit endlich einen Zugang
zur Gesellschaft. Ein wichtiger Schritt dazu war es, die beliebten Psalmen, von denen es seit Martin Luther schon viele christliche
Übersetzungen gab, direkt aus dem Hebräisch der Synagoge ins Deutsch der damals modernen Dichtung zu übersetzen. Auf diese
Weise hat er in meinen Augen auch dem Elend, das er selber kennen gelernt hatte, eine Sprache verliehen - oftmals noch direkter,
drastischer und bildhafter als es selbst Martin Luther schon getan hatte.
Rette mich, o Gott! das Wasser dringt ans Leben!
Versenkt in Schlamm - Untiefe, nirgends Grund.
Ich verwein, im Fasten, meine Seele.
Reiß mich aus dem Kote, daß ich nicht versinke;
Daß ich errettet werde von meinen Widersachern,
Und aus des Wassers Tiefen.
Daß mich die Flut nicht überschwemme;
Der Abgrund nicht verschlinge;
Die Gruft nicht über mich sich schließe.
Wie angst ist mir! eile, erhöre mich!
Sei meiner Seele nah, erlöse sie!
Ich taumle ohnmächtig hin. -
Wart auf Mitleid - doch umsonst!
Seh aus nach einem Tröster; finde keinen.
Das ist gewiss auch sehr kunstvolle Dichtung; das ist, um in Mendelssohns Zeit zu bleiben, große Oper. Aber das ist in allererster
Linie der Aufschrei eines zutiefst gequälten und geschundenen Menschen - eines Menschen, der am Boden zerstört ist und nicht
einen Schritt mehr weiter kann. Was tun wir, wenn wir jemanden so verzweifelt klagen hören? Haben wir selber einmal so geklagt -
oder haben wir uns zusammengenommen, jedenfalls vor den Leuten?
Ich glaube, uns ist die Situation vertraut, wo wir unsere "Seele verweinen" und keinen Bissen anrühren mögen, wo wir ohnmächtig
taumeln und vergeblich nach einem ausschauen, der uns aufrichtet und tröstet. Schmerz und Leid machen einsam, sie machen die
anderen hilflos - und von Hilflosen können wir keine Hilfe erwarten. Wenn es ganz schlimm kommt - und bei dem unbekannten Beter
dieses Psalm kam es offenbar so schlimm - dann bekommen wir zu allem Elend auch noch gratis Spott, Hohn und Häme dazu; dann
tratschen die über uns, von denen wir glaubten, zu Recht Hilfe erwarten zu dürfen, dann zerreißen sich besoffene Köpfe die Mäuler
über uns.
Ich komme noch einmal zurück zu dem Wort "Kirchensprache". Ja, über die Jahrhunderte ist die Sprache in der Kirche wohl zahm,
gesetzt und gesittet geworden. Noch bei Martin Luther war das ja keineswegs so. Und erst recht die Bibel spricht, wenn man sie
richtig liest, eine sehr klare und deutliche Sprache. Heute beginnt die Karwoche. In dieser Woche werden wir einige der düstersten
Kapitel der Bibel wieder hören und versuchen, sie in unserer Zeit zu verstehen. Lasst uns das mehr sein als nur eine schöne
religiöse Traditionsübung! Lasst uns, wenn wir auf das Leiden Jesu schauen, dem Anblick des Leids in unserer Nähe nicht
ausweichen! Und lassen wir uns von dem Psalm, der uns heute in einer Übersetzung so nah gekommen ist, dazu ermutigen, dem
sprachlosen Leiden Sprache und Stimme zu verleihen!
Weitere Predigten in der "Predigtdatenbank": http://www.predigten.de
Dieses Buch vereint Predigten aus zwanzig Jahren, die mit unterschiedlichen
Erzählmethoden arbeiten. Gerade abstrakte biblische Texte lassen sich leichter
verstehen, wenn ihr Anliegen in eine Erzählung eingebettet wird. Dies gilt vor allem für
die neutestamentlichen Episteltexte. Hier begegnen sie dem Leser und der Leserin im
Rahmen einer Talkshow, in der die Freiheit, die Selbstsucht, die Liebe und das Gesetz
miteinander ins Gespräch treten; als Weihnachtsgeschichte, die den Predigttext als Lied
umdichtet – oder als Briefwechsel des Apostels Paulus mit seiner Mutter.
Doch die Bibel erzählt ja selbst unendlich viel. Diese Erzählungen nehmen viele der
Geschichten und Legenden dieses Buches auf, spinnen sie fort, variieren sie, suchen
zwischen den Zeilen oder erzählen die bekannte Geschichte von einem anderen Ende.
Mose tröstet Gott; Jeremia sucht Gott, der sich in den Himmel zurückgezogen hat und
niemanden mehr empfängt; Josef schnitzt ein Holzeselchen, nachdem ihm die Geburt
Jesu angekündigt wird; der Erzengel Michael und der Höllenfürst Luzifer überlegen
gemeinsam, wie sie die Menschen wieder vom Unterschied zwischen Gut und Böse
überzeugen können. "Von der Kanzel erzählt"!
Christian Hartung: "Von der Kanzel erzählt. Legenden, Geschichten, Predigten”
Fromm Verlag, Saarbrücken, 2011
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